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Ausschnitte aus dem Interview in
DIE KITZINGER vom 3. Februar 2010

Rückenschmerzen müssen nicht sein

Kräftigungstherapie statt Bändscheiben-OP – Dr. Florian Maria Alfen setzt auf spezielles Rückenmuskeltraining

KITZINGEN. Studien zufolge haben rund 70 Prozent der Deutschen Probleme mit dem Rücken. Vielen von ihnen macht die Bandscheibe zu schaffen. Welche Möglichkeiten es gibt dieses Problem anzugehen, darüber spricht der Wirbelsäulenspezialist Dr. Florian Maria Alfen am Donnerstag in der Alten Synagoge. DIE KITZINGER hat sich mit ihm unter anderem über Maßnahmen gegen Bandscheibenprobleme und die Prophylaxe unterhalten.

DIE KITZINGER: Sie sprechen am Donnerstagabend über Wirbelsäulen- und Bandscheibenprobleme. Was macht diese Themen in Ihren Augen so wichtig?

Dr. Alfen: Wir haben gerade in Mitteleuropa, Japan und Amerika besonders viele Probleme mit der Wirbelsäule. Das ist so, weil die Menschen hier in ihren Berufen besonders viel sitzen, die gesamten Wegstrecken mit dem Auto zurücklegen und sich immer weniger bewegen. Dadurch wird auf die Wirbelsäule immer mehr Druck aufgebaut und es gibt immer mehr Probleme. Das eine sind Bandscheibenvorfälle. Das andere sind degenerative Veränderungen in der Wirbelsäule. Dass es dazu kommt, hängt aber neben dem Bewegungsmangel auch damit zusammen, dass die Muskulatur des Rückens nicht richtig trainiert wird.


DIE KITZINGER: Und genau an diesem Punkt setzen Sie an?

Dr. Alfen: Genau. Mit unserer medizinischen Kräftigungstherapie können wir speziell die tiefen Rückenmuskeln konsequent erreichen und stehen damit im Unterschied zu vielen anderen Therapiemöglichkeiten. Wir haben festgestellt, dass die normale Krankengymnastik und Massagen zwar eine Linderung bringen, dass aber die tiefen Rückenmuskeln damit einfach nicht richtig erreicht werden. Das ist Wissen, das ich lange Zeit auch nicht gehabt habe und mir erworben habe, weil ich selbst durch das nach vorne gebeugte Operieren als operativer Oberarzt starke Rückenschmerzen hatte.


DIE KITZINGER: Was haben Sie dann gemacht?

Dr. Alfen: Ich habe 1999 die medizinische Kräftigungstherapie kennen gelernt und damit meine Beschwerden wegbekommen. Das liegt daran, dass die speziellen Maschinen, die ich auch bei meinem Vortrag in Kitzingen vorstellen werde, die tiefen Rückenmuskeln erreichen und trainieren. Ich bin damit komplett beschwerdefrei geworden und musste nicht operiert werden, obwohl ich auch einen Bandscheibenvorfall hatte. Ich glaube, dass sehr viele Mensehen mit Bandscheibenvorfall, die sich vor einer Operation fürchten oder schon eine Operation hatten, mit diesem Training eine deutlich Verbesserung erzielen. Aber von der Methode weiß fast niemand. Wir haben inzwischen mehr als 10 000 Patienten nach diesem Training behandelt. Mit über 1 100 Patienten, die eigentlich wegen einer OP zu mir kamen, haben wir Studien gemacht. 93 Prozent dieser Patienten mussten wir nach der Kräftigungstherapie nicht operieren.


DIE KITZINGER: Was haben Sie den restlichen sieben Prozent geraten?

Dr. Alfen: Einen Eingriff nach der Transforaminalen Endoskopischen Chirurgie (Transforaminal Endoscopie Surgery, TES, Anm, d. Red.). Der Vorteil an dieser Technik ist, dass man keine Knochen entfernen muss. Weltweit beherrschen nur etwa sechs oder sieben Ärzte die TES richtig. Ich bin der Arzt, der die längste Erfahrung auf diesem Gebiet hat und operiere auf der ganzen Welt.


DIE KITZINGER: Wie funktioniert die TES genau?

Dr. Alfen: Man muss sich das so ähnlich vorstellen, wie die Arthroskopie am Knie. Heute würde auch kein Arzt mehr das Knie aufschneiden, um den Meniskus zu entfernen. Stattdessen wird, mit einer Kamera und einem Röhrchensystem gearbeitet. So ähnlich ist es auch bei der Wirbelsäule. Man kann mit einem endoskopischen System (ein winziges Röhrchensystem mit optischem System, Beleuchtung, Spül- und Arbeitskanal, Anm. d. Red) über das Zwischenwirbelloch an die Bandscheibe herangehen und so einen Bandscheibenvorfall entfernen - ohne das Facettengelenk wegstanzen zu müssen, um in die Tiefe zu kommen. Wenn man nach der herkömmlichen Methode offen operiert, muss man sehr viel Knochen entfernen. Dabei wir eine Blutung verursacht, die zu einer Narbenbildung führt. Bei der Endoskopie gibt es so etwas nicht.


DIE KITZINGER: Wie sind Sie eigentlich auf die TES gekommen?

Dr. Alfen: Ich war operativer Oberarzt in einer Münchner Klinik. Und der Chefarzt dort hat dieses Verfahren in den 90er Jahren erfunden. Das hat dann fünf bis zehn Jahre gedauert, bis es so weit war, und von den medizinischen Instrumenten nachbaubar war sowie die nötige Zertifizierung hatte. Ich hatte das Glück, als operativer Oberarzt 1000 Eingriffe assistieren zu können, bevor ich selbst damit angefangen habe. Seit 2001 führe ich die TES in Eigenregie in einer Privatpraxis sowie in Privatkliniken im In- und Ausland durch. Dadurch habe ich natürlich immer mehr Erfahrung hinzugewonnen. Das ist wichtig.


DIE KITZINGER: Warum ist die Erfahrung gerade bei der TES so wichtig?

Dr. Alfen: Die OP-Technik ist zwar bestechend, aber die Lernkurve ist lang und flach. Das ist auch der springende Punkt, warum es nicht mehr Kollegen gibt, die die TES durchführen., Ich habe mittlerweile etwa 400 Chirurgen ausgebildet, die jetzt die ersten OPs machen. Das Verfahren ist auf dem Vormarsch und ich denke, dass in den nächsten fünf bis zehn Jahren 60 bis 70 Prozent aller Bandscheibenoperationen endoskopisch durchgeführt werden. Es ist auch so, dass die Patienten immer mehr gezielt danach fragen. Aber insgesamt ist es im Würzburger Raum noch sehr unbekannt


DIE KITZINGER: Wie machen sich eigentlich Bandscheibenprobleme bemerkbar?

Dr. Alfen: Bandscheibenprobleme äußern sich zunächst mit Rückenschmerzen. In dem Moment, in dem diese ins Bein hineinziehen, muss man davon ausgehen, dass die Bandscheibe beteiligt ist. Denn das heißt, dass der Ischias-Nerv eingequetscht wird. Wenn man einen reinen Rückenschmerz hat, muss man erst einmal keine Angst haben. Das kann auch eine Blockierung sein – also eine Verschiebung der Facettengelenke in der Wirbelsäule. Eine Folge von zu wenig fester Muskulatur. Wenn man sich nach vóriie bückt oder etwas Schweres hebt, kommen diese Beschwerden. Das kann allerdings auch ein Zeichen für eine akute Bandscheibenvorwölbung sein - der Hexenschuss. Eigentlich nichts Schlimmes, aber es zeigt schon, dass die Bandscheibe eine Veränderung hat und sich akut auf den Nerv vorwölbt. Diese Beschwerden sollten beim Hausarzt, Spezialisten oder Orthopäden abgeklärt werden.


DIE KITZINGER: Welche Tipps haben Sie zur Vorbeugung von Bandscheibenproblemen?

Dr. Alfen: Die Bandscheibe lebt einfach von der Flüssigkeitseinstrahlung und Flüssigkeitsausstrahlung. Das heißt, sie wird nicht über Blut, sondern über Flüssigkeit versorgt. Und wenn man jetzt vier, fünf Stunden lang im Auto sitzt, dann wird sie einfach platt gedrückt und die Flüssigkeit ausgequetscht. Deshalb: Pausen einlegen und so lächerlich es sich auch anhört, einfach einmal um das Auto herumlaufen. Rückentraining macht auch Sinn. Aber man muss bedenken, dass die tiefe Muskulatur dem eigenen Körpergewicht nicht richtig erreicht werden kann, Normalerweise braucht diese Muskulatur zwar kern eigenes Training. Nur wenn sie über Jahre geschont und abgebaut wurde, dann muss man sie von außen mit besonderen Maschinen trainieren. Dann empfiehlt sich die medizinische Kräftigungstherapie.


DIE KITZINGER: Was kann man bei Bandscheibenproblemen prinzipiell man?

Dr. Alfen: Es gibt zum Beispiel Rückenkurse, unter anderem an den Volkshochschulen. Diese sind schon sinnvoll, trotzdem wird dort nur die oberflächliche Muskulatur erreicht und nicht die Tiefrückenmuskulatur. Massagen lockern und bringen eine gewisse Schmerzfreiheit. Aber sie sind nur eine Behandlung der Symptome. Neben Homöopathie, Akupunktur und Bachblütentherapie gibt es weitere verschiedene symptomatische Behandlungen, auch mit Tabletten und Medikamenten. Aber die eigentliche Ursache, warum sich eine Bandscheibe verändert, wird normalerweise nicht bekämpft. Es ist wichtig zu wissen, was man hat, um eine Thérapies zu finden,,die greift. Am Ende ist es völlig egal, wie die Patienten schmerzfrei werden. Es ist nur wich-* tig, dass sie schmerzfrei werden. Die Tendenz geht aber immer weiter dahin/ dass man mehr und mehr operiert. Ich glaube, dass das im Wesentlichen die falsche Richtung ist.


DIE KITZINGER: Empfiehlt sich der Gang ins Fitnessstudio?

Dr. Alfen: Ich bin um jeden froh, der sich bewegt. Jedes Training ist gut. Es gibt auch viele Fitnessstudios, die gute Maschinen haben. Nur ist bei der tiefen Rückenmuskulatur die Fixierung des Unterkörpers wichtig und mehr als ein Gurt über die Oberschenkel nötig. Und man muss auch wissen, wie man trainiert. Es reicht nicht, wenn man nur einmal eine Anweisung vom Trainer bekommt.


DIE KITZINGER: Was mache ich, wenn ich schon einmal einen Bandscheibenvorfall hatte?

Dr. Alfen: Wenn jemand einen Bandscheibenvorfall hatte, dann kommt das daher, dass die Tiefenmuskulatur zu schwach war. WéfHïmaii daran nichts ändert, besteht immer die Gefahr, dass noch mal ein Bandscheiben vorfalI an der gleichen Stelle auftritt,: Bei den offenen Operationen haben zwölf bis 25 Prozent noch einmal einen Vorfall. Bei der Endoskopie liegen wir leicht besser. Wir wollen auf jeden Fall nicht noch einmal operieren. Es liegt auch nicht an einem schlechten Operateur, wenn so etwas vorkommt. Stattdessen muss der Patient mithelfen und mit einem postoperativen Training die nächste OP vermeiden.